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Angst (1)

Sonntag, 09. März 2025


Für Susanne und mich, ihren Lebensgefährten Peter, ist die krankmachende Angst ein Thema, dessen wir uns für einen Vortrag in der VHS Lüdenscheid angenommen haben.

Dabei sind wir uns in vielen Punkten, was die Angst betrifft, einig, denn unsere Erfahrungen mit der Angst überschneiden sich an so mancher Stelle. Aus meiner wissenschaftlichen Sicht erkenne ich in der Angst vornehmlich einen Mechanismus, der auch seine guten Seiten hat – hatte, muss ich wohl eher sagen, aber dazu später mehr. Susannes Schwerpunkt ist, wie ihr wisst, ein anderer.

Evolutionär betrachtet, ist die Angst ein Überlebens­vorteil für die Art, die mit dem Angst­mechanismus ausgestattet ist. Bei niederen Lebewesen, z.B. bei Viren, existiert keine vererbbare neuronale Struktur, die den Angst­mechanismus beherbergen könnte. Bei diesen Lebewesen ist das Überleben der Art durch die schier riesige Anzahl der Individuen gesichert, nicht durch das lange Überleben des einzelnen Individuums.
Aber schon bei Regenwürmern ist der Angst­mechanismus zu erkennen: Sobald du sie berührst, versuchen sie zu fliehen, ihre Bewegungen werden schneller und sie versuchen, so rasch wie möglich unter der Erde Schutz zu suchen. Der Angst­mechanismus des Regenwurms, so primitiv er auch ist, ist deutlich erkennbar: Flucht soll das individuelle Leben schützen, damit das Individuum möglichst viele Chancen zur Vermehrung wahrnehmen und damit helfen kann, das Überleben der Art zu sichern.
Bei höheren Lebewesen ist Todesangst also ein zielführender Mechanismus, der das Überleben der Art sichert und damit deren Weiter­entwicklung zu komplexeren Strukturen ermöglicht. Überlebt die Art nicht, ist ein Entwicklungs­strang der Evolution zu Ende.

Alle höheren Lebensformen kennen also den Angst­mechanismus. Aus der Angst, sterben zu müssen, fliehen sie oder gehen zum Angriff über, je nachdem, was das Überleben des Einzelnen besser zu sichern scheint. Die meisten Lebensformen erhalten den Angst­mechanismus durch Vererbung.

Kommen wir zum Menschen. Wie konnte eine Art überleben, deren Bürde es ist, extrem unreifen Nachwuchs in die Welt zu setzen? Im Vergleich zu beispielsweise einem Fohlen, das bereits kurze Zeit nach der Geburt auf seinen eigenen Beinen steht und flüchten kann, braucht das Menschenjunge dafür durch­schnittlich ein Jahr, bis es mit Hilfe der eigenen Beine auch nur im geringsten Maße flucht- und damit überlebens­fähig ist.

Das Menschenjunge ist auf die soziale Fürsorge seiner Eltern extrem angewiesen, um zu überleben, und zwar mehr als jedes andere bekannte hochentwickelte Säugetier.

Dieses beschriebene Manko geht mit der Gehirnentwicklung einher. Die Größe des menschlichen Gehirns ist einerseits der Grund für die „vorzeitige“ Geburt des Menschenjungen; ein größeres Gehirn würde nicht durch den Geburtskanal der Mutter passen. Andererseits korreliert die Größe der Gehirn­ober­fläche mit der Lernfähigkeit der Menschen­kinder und katapultierte den Menschen auf den unange­fochtenen ersten Platz der überlebens­fähigsten Arten auf diesem Planeten.
Der Einsatz des Lernens und Denkens unabhängig von den ererbten Mechanismen führte zur eklatant schnelleren Entwicklung der menschlichen Art, die nun nicht mehr auf die evolutionären Prozesse der Genmutation bzw. -kombination und Selektion für ihre Weiter­entwicklung angewiesen war (siehe auch extra-uterines Frühjahr).

Genetisch und damit angeboren ist dem Menschenjungen, wie jedem anderen Neugeborenen, das Bedürfnis nach Nahrung. Während andere Säugetiere aber kurz nach ihrer Geburt die Zitzen ihrer jeweiligen Muttertiere selbstständig finden, ist das dem Menschenbaby als Frühgeburt nahezu unmöglich. Es muss sich seiner Mutter durch Unruhe bis hin zum Schreien bemerkbar machen. Wird das Baby dann nicht gestillt - in des Wortes ursprüng­licher Bedeutung - , ist das Baby in Überlebens­angst. Vertrauens­verlust gegenüber der Mutter ist die Folge, wenn das Baby mehrfach nicht rechtzeitig gestillt wird, mehrfach hintereinander diese Überlebens­angst durchleben muss. Dieser Mechanismus zieht sich ab diesem Moment durch das Leben des Menschen, sein Urvertrauen ist gestört. Unter Urvertrauen versteht man, dass der Mensch in sich die Grundüber­zeugung trägt, dass sein Leben nicht in Gefahr ist. „Alles wird schon gut werden“, hat er bereits in seinen frühesten Tagen gelernt oder eben verlernt.

Das Vertrauen wird fortan bei sozialen Kontakten erneut auf die Probe gestellt: Wird mein Bedürfnis von meinem Gegenüber wahrgenommen und unterstützt, stärkt das mein Vertrauen in diesen Menschen individuell und zunehmend auch in weitere Bezugs­personen. Später findet eine Generalisierung statt. Der Mensch vertraut anderen Menschen und dem Leben – oder er vertraut eben nicht!
Dann lebt der Mensch in ständiger Angst, wenn er sich von anderen nicht in seinen Bedürfnissen wahrgenommen fühlt.
Als gesund wird ein Mensch empfunden, wenn er weder zu vertrauensselig noch zu angstgetrieben ist.

So weit, so gut. Aber wie kommt es, dass das Leben manchen Menschen rund um die Uhr Angst einjagt, sodass sie nicht mehr zur Ruhe kommen? Davon mehr im nächsten Blog.

Lies hier den zweiten Teil der Serie über die Angst.


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Kommentare...

...von Andrea am 14.03.2025:

Sehr interessant. Vielen Dank!
Bin schon gespannt auf den zweiten Teil.