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Angst (2)

Sonntag, 16. März 2025


Wir hatten festgestellt, dass Menschenkinder sehr unreif zur Welt kommen. Wir hatten weiter festgehalten, dass das im Überlebenskampf der Arten einen deutlichen Nachteil bedeutete und wir hatten die daraus resultierende soziale Fürsorge als kompensatorisch und als extremen Überlebensvorteil erkannt, denn diese soziale Abhängigkeit hat die Kooperationsfähigkeit des Menschen auf ein bislang in der Lebenswelt dieses Planeten unerreichtes Niveau katapultiert.

Daraus und beginnend mit der Sprachentwicklung und der im Gleichschritt steigenden Denkfähigkeit hat der Mensch Werkzeuge entwickelt, die ihm eine Überlegenheit im Artenkampf bescherten. Die Bändigung des Feuers hat ihn vor dem Erfrieren geschützt.
Der Homo sapiens konnte die zeitliche Abfolge zunehmend als Determinismus wahrnehmen: Er erkannte die wiederkehrenden Jahreszeiten und seine Beobachtung der Mechanismen der Vegetation ermöglichten ihm den Anbau und die Zucht von Nahrungspflanzen. So wurde die beginnende Sesshaftigkeit im fruchtbaren Halbmond auf eine neue Basis gestellt. Als Schutz gegen die Unbillen der Natur war er nicht mehr auf Höhlen angewiesen, indem er Behausungen selber baute.

Aber die Angst des Babys blieb. Aus dieser Angst, sein Leben vorzeitig zu verlieren, erfand der menschliche Geist immer neue zivilisatorische Errungenschaften: die Arbeitsteilung ermöglichte eine Spezialisierung und damit einen wesentlich effektiveren Einsatz der Arbeitskraft. Heute gibt es Tausende von unterschiedlichen Berufsbildern. Die Arbeitsteilung zwang den Mensch sodann, faire Tauschmechanismen zu entwickeln, Märkte entstanden, Gold als Zahlungsmittel wurde eingeführt und ermöglichte Rücklagen zu schaffen.
Die Erfindung des Geldes machte den Menschen unabhängig von den endlichen Goldreserven: Geld ist ja nichts anderes als das gegenseitige Versprechen, dass es von jedem und jeder als Tauschmittel auch in Zukunft akzeptiert wird. Es funktioniert nur in Gemeinschaften, die zumindest in Grundzügen den kategorischen Imperativ beherzigen, der Grundlage jedes sozialen Miteinanders. Banken und Versicherungen waren konsequente Folgen.
Jedoch spätestens bei Globalisierung und Internet fallen uns die Kehrseiten des Fortschritts auf. Offensichtlich trägt jede Errungenschaft auch eine negative, angsteinflößende Seite in sich.

Aus seiner Angst heraus, im Überlebenskampf der Arten bestehen zu können, erschuf der Mensch am Ende einen Wohlstand und eine Freiheit, die ihm eigentlich genau diese Angst hätten nehmen sollen.
Schließlich formulierte er aus all seinen menschlichen Errungenschaften sogar das Recht auf diese, siehe die Charta der Menschenrechte.
Aber ist dieses Versprechen auf den Sieg gegen die Angst je eingelöst worden? Hat der heutige Mensch tatsächlich weniger Angst als sein Steinzeitvorfahre? Haben der ganze Wohlstand und die damit verbundene Freiheit den verheißenen Nutzen gebracht?
Am Ende des Tages müssen wir anerkennen, dass die Angst vor dem Tod geblieben ist. Sie manifestiert sich heute in extrem vielen unterschiedlichen Ausprägungen: Habe ich in Zukunft noch ausreichend Geld, um mir das Lebensnotwendige zu kaufen? Muss ich nicht den nächsten Schritt auf der Karriereleiter machen, damit ich in Zukunft noch ausreichend Geld habe? Ist die Rente sicher? Wird unser Finanzsystem zusammenbrechen oder der Markt so manipuliert, dass mir daraus Nachteile erwachsen? Wenn Putin die Ukraine angreift, wird er dann nicht auch irgendwann uns angreifen? Und werden wir nicht sowieso von einer politischen Kaste und/oder der Lügenpresse manipuliert? Oder gar: Kann ich mir den Porsche leisten?
Etwas milder formuliert, könnte man sagen, dass der Mensch seinem heutigen Leben so viele neue Features hinzugefügt hat, dass er nun Angst davor hat, dass er all diese Features auch wieder verlieren kann. Vielleicht ist die direkte Angst vor dem Verlust des physischen Lebens dadurch in den Hintergrund getreten. Definitiv ist an ihre Stelle aber eine Vielzahl von Ängsten vor dem Verlust des Lebens, wie ich es mir ausmale und erträume, getreten. Und die ist umso vielfältiger, je vielfältiger und bunter unser Leben geworden ist.
Während das Reh nach erfolgreicher Flucht vor dem Fressfeind kurze Zeit später wieder friedlich und angstfrei grast, wälzt der Mensch all die oben angedeuteten angstauslösenden Fragen (und noch viele mehr) permanent in seinem Kopf. Permanente Angst bedeutet aber permanenten Stress, permanente Adrenalinausschüttung, ohne dass die Muskulatur tatsächlich verstärkt tätig werden kann. Ich hatte bereits früher beschrieben, welche gesundheitlichen Konsequenzen das zeitigt: Angst macht krank.

Mancher wird solche Ängste, wie ich sie oben beschrieben habe, für übertrieben halten. Wenn du die oben beschriebenen Ängste eher als Sorgen titulieren würdest, dann bist du vermutlich ein vertrauensvoller Mensch und damit nicht so angstbesetzt. Dir sei aber versichert, dass viele deiner Mitmenschen all das oben Beschriebene nachvollziehen können: Angst ist ein weitverbreitetes und krankmachendes Phänomen in unserer Gesellschaft.

In den nächsten Wochen stellt Susanne das Thema Angst aus spiritueller Sicht vor.

Lies hier den dritten Teil der Serie über die Angst.


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