Mein aktueller Blog
German Angst (1)
Sonntag, 17. Mai 2026
Wenn du bereits etwas länger diesen Blog liest, dann wirst du dich vielleicht an die Beiträge zum Thema Angst vor etwas mehr als einem Jahr erinnern. Damals hatte ich, Peter, Susannes Lebensgefährte, versucht, aus evolutionärer Sicht die Vor- und Nachteile des Phänomens Angst zu beleuchten, bevor Susanne aus spiritueller Sicht Lösungsansätze gegen eine überbordende Angstbelastung aufgezeigt hat.
Im Vorfeld eines gemeinsamen Vortrags zu German Angst in der VHS Bonn am kommenden Dienstag, den 19.05., haben wir uns des Phänomens erneut angenommen und versucht, die deutsche Perspektive herauszuarbeiten.
Um ins Thema zu kommen, empfehlen wir die Blogs über Angst ab dem 09.03.2025 nochmals zu lesen. Ich, Peter, beziehe mich dabei auf die ersten beiden Blogs.
Der Siegeszug des Wortes Angst als Germanismus geht bereits auf den Philosophen Søren Kierkegaard zurück.
Der Begriff German Angst hat sich vermutlich im angelsächsischen Sprachgebrauch in den 1990-er Jahren etabliert, als Otto Graf Lambsdorff in einem Interview mit der New York Times diesen Begriff im Zusammenhang mit der deutschen Furcht vor Wohlstands- und Sicherheitsverlusten anwandte.
Fortan nutzen Politiker German Angst immer dann, wenn Sie die typisch deutsche Bedenkenträgerei und Zögerlichkeit bei politischen Entscheidungen brandmarken wollen. George W. Bush beispielsweise bezeichnete das Zögern von Gerhard Schröder, der „Koalition der Willigen“ im dritten Golfkrieg beizutreten, als German Angst.
Was ist jetzt spezifisch deutsch? Zunächst sind wir Deutsche auch Menschen und deshalb gilt, was ich damals für den Menschen geschrieben habe, natürlich als Basis.
Den ersten Teil der damaligen Angst-Reihe hatte ich mit folgendem Satz beendet: Als gesund wird ein Mensch empfunden, wenn er weder zu vertrauensselig noch zu angstgetrieben ist. Und das gilt natürlich auch für Völker oder sonstige Kulturgemeinschaften.
German Angst deutet also darauf hin, dass Deutsche im Vergleich zu anderen im Durchschnitt weniger vertrauensvoll und damit angstvoller sind. Warum? Was in der deutschen Geschichte oder Kultur könnte der Auslöser sein? Oder gibt es möglicherweise bereits eine typisch deutsche Genstruktur, durch die die German Angst sogar, wie die Angst generell, erblich ist?
Fangen wir mit der Genetik an: Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass das Erbgut der Deutschen diesbezüglich besonders ist, wenngleich Genetiker durch die neusten Erkenntnisse im Bereich Epigenetik nicht ausschließen, dass die letzten Jahrhunderte nicht vielleicht genetische Spuren hinterlassen haben könnten. Aber gesicherte Forschungsergebnisse gibt es nach meinen Recherchen dafür nicht.
Kommen wir zur Geschichte: Die deutsche Geschichte hat viele Aufs und Abs erlebt. Einerseits wird die Geschichte einer Bevölkerung oder einer Kulturgemeinschaft von dieser selbst (mit-) geprägt, andererseits prägten die geschichtlichen Ereignisse auch die Menschen in diesem Land und die folgenden Generationen.
Welche kulturellen Eigenschaften schreibt man den Deutschen seit jeher zu?
Pünktlichkeit, Effizienz, Sparsamkeit, Fleiß, Erfindergeist, Pflichtbewusstsein und Zuverlässigkeit, sprudelt die KI meines Browsers heraus. Kannst du die Zusammenhänge sehen?
- Pünktlichkeit rührt aus der Angst, etwas zu verpassen oder als nicht verlässlich zu gelten.
- Effizienz resultiert aus der Angst, dass die eigene Energie zur Zielerreichung nicht ausreichen könnte und ich daher meine Energie möglichst effizient einsetze.
- Sparsamkeit wiederum basiert auf der Angst, dass es in Zukunft nicht reichen könnte und ich vorsorgen muss.
- Fleiß ist nötig, um ebenfalls der Angst des Mangels zu begegnen: andere könnten mehr haben als ich, wenn ich mich nicht genug anstrenge.
- Erfindergeist wird getrieben von der Suche nach einer besseren Lösung als den bereits existierenden. Die bessere Lösung wirkt der Angst entgegen, die existierenden Lösungen könnten nicht ausreichen.
- Pflichtbewusstsein und Regelkonformität sollen das Gemeinwesen stärken und die Angst vor dem Chaos und dem Alleinsein lindern.
- Zuverlässigkeit soll zunächst das Vertrauen meines Gegenübers stärken und, weil Geben und Nehmen eins ist, eben auch mein eigenes Vertrauen. Vertrauen ist der Gegenspieler der Angst.
Preußische Disziplin ist der Inbegriff von Gehorsam, Regelkonformität und gleichzeitigem Pflichtbewusstsein. Preußische Disziplin ist sicher ein entscheidender Faktor für die militärische Stärke Preußens (und Deutschlands zu Beginn des 20. Jahrhunderts) und damit auch bis zu einem gewissen Grad für den Verlauf der Geschichte.
Aber wie kam es zu den preußischen Tugenden? Vermutlich hatte die pietistische und aufklärerische Haltung der preußischen Könige seit Friedrich-Wilhelm I, des Soldatenkönigs, einen Top-down-Effekt zunächst in der Armee und der Verwaltung ausgelöst (nur wer genauso dachte wie sein Vorgesetzter, konnte im Rang aufsteigen) und sich anschließend in der Gesamtbevölkerung verfestigt. Die von den Herrschenden propagierten und zum großen Teil auch gelebten Tugenden, denke nur neben dem Soldatenkönig an den alten Fritz, galten als vorbildlich und haben sich somit in der preußischen (und später deutschen) Tradition etabliert. Viele althergebrachte Sprichwörter – z.B. Ohne Fleiß keinen Preis – geben Auskunft über dieses Denken und Handeln.
Vielfach wird in der Literatur auf die beiden von Deutschland losgetretenen Weltkriege als Auslöser der German Angst hingewiesen. Hier würde ich aber die Frage stellen, ob nicht die den Deutschen zugeschriebenen Tugenden erst zu diesen beiden weltgeschichtlichen Tragödien beigetragen haben: Die Angst der Kolonialmacht Deutschland vor Wohlstands- und Bedeutungsverlust hatte den ersten Weltkrieg heraufbeschworen.
Im Deutschland zwischen den Weltkriegen waren die Abstiegsängste durch Gängelung der Siegermächte und die Inflation so groß, dass die Nazis leichtes Spiel mit ihrer Ideologie der arischen Herrenrasse hatten. Die Regelgläubigkeit, das Pflichtbewusstsein und die Obrigkeitsgläubigkeit spielte dem Erstarken des Nationalsozialismus weiter in die Hände; dieser hatte die Angst der Deutschen vor einer jüdischen Weltherrschaft geschürt und die dermaßen angstbesetzten Deutschen in den zweiten Weltkrieg getrieben.
Erstaunlicherweise zeigen Studien im Nachgang zum zweiten Weltkrieg, dass Menschen in Städten, die am stärksten von den Zerstörungen durch die alliierten Streitkräfte betroffen waren, weniger Ängste vor einem erneuten Krieg hegten, als diejenigen, die von diesen Zerstörungen nur gehört, sie aber nicht selbst in dem Maße erlebt hatten. Die Erfahrung, dass man selbst das schlimmste Bombardement überleben kann, mindert offensichtlich die Angst.
Verallgemeinernd unterstützt das die auf diesem Blog häufig vorgetragene Erkenntnis, dass Erfahrungen das Bewusstsein stärker prägen als es die beste Schilderung (bzw. die Bildung) kann.
Wie ging es in Deutschland nach 1945 weiter? Der Fleiß und andere deutsche Tugenden ließen Deutschland – diesmal wirtschaftlich – wieder erstarken. Die Siegermächte hatten aus den Fehlern nach dem ersten Weltkrieg gelernt und den wirtschaftlichen Aufbau unterstützt (Marshallplan).
Eigentlich sollten die Deutschen anhand des erreichten Wohlstandes doch glücklicher sein als je zuvor, das zumindest suggeriert ja das Wort Wohl-stand. Aber weit gefehlt. Jetzt haben die Deutschen Angst davor, all diesen Wohlstand wieder zu verlieren. Gerade aktuell kochen die Ängste vor Deindustrialisierung, Massenarbeitslosigkeit, Inflation, kriegerischen Auseinandersetzungen mit Russland, weltwirtschaftlichem Niedergang Europas usw. extrem hoch.
Aber die deutsche Angst hatte und hat immer auch ihre guten Seiten: Vorsicht und Vorausschau, Effizienz, Sparsamkeit, Fleiß, Erfindergeist, Pflichtbewusstsein und Zuverlässigkeit sind halt die geliebten Schwestern und Brüder der Angst, die den Deutschen immer wieder aus der Patsche geholfen haben.
Dass wir Deutsche es mit all den oben beschrieben Tugenden aber gerne übertreiben, sei hier nochmals ausdrücklich kritisch angemerkt!
Nächste Woche geht es hier mit Susannes Perspektive auf die German Angst weiter.
Schreib einen Kommentar.