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Im Grunde gut (2)
Sonntag, 19. April 2026
Nicole schreibt weiter:
Die meisten Menschen sind „Im Grunde gut" - so Rutger Bregman in seinem gleichnamigen Buch. Das möchte ich gerne glauben! Aber was machen wir mit Menschen, die wirklich Schreckliches getan haben? Betrüger, Diebe, Vergewaltiger, Mörder. Ganz zu schweigen von Hitler. Mit diesem Thema setzt sich Bregman in seinem gleichnamigen Buch auseinander.
Er nennt zunächst die Fassadentheorie, die von Thomas Hobbes, einem englischen Mathematiker, Staatstheoretiker und Philosoph, im 16. Jahrhundert aufgestellt wurde. Er drückte damit aus, dass seiner Meinung nach der Mensch von Natur aus böse und egoistisch veranlagt ist und nur durch gesellschaftliche Normen gezähmt wird, die eine absolutistische Obrigkeit durchsetzen muss, weil ansonsten ein gemeinschaftliches Leben unmöglich ist.
Doch Bregman gibt sich damit nicht zufrieden. Es auf die menschliche Natur zu schieben, erscheint ihm zu einfach, Widerstand und Engagement wären dann sinnlos.
„Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert." Die meisten Menschen, die Böses tun, halten dies ihrer Überzeugung nach für das Gute. Sie haben gute Absichten, aus ihrer eingeschränkten Sicht heraus. Dies erinnert mich an Ken Wilbers Modell der Bewusstseinsebenen: Befinde ich mich auf der egozentrischen roten Ebene, ist es aus ihrem Selbstverständnis heraus logisch, dass ich nach Macht strebe und meinen eigenen Vorteil suche, egal mit welchen Mitteln. Wenn ich auf dieser Ebene bin, kann ich nicht anders handeln.
Ich kann mit Ken Wilbers Modell die Denk- und Verhaltensweisen von anderen Menschen verstehen, ich muss sie nicht gutheißen. Bei einem Streit mit einem nahestehenden Menschen kann ich verstehen, was ihn dazu veranlasst hat - und ich kann verzeihen (Lies dazu Susannes Blog vom 5.4.26). Aus seinem eigenen Denkmuster heraus hat er richtig und logisch gehandelt.
Bregmans These über das Gute in den Menschen erinnert mich an Eckhart Tolles Idee von der „Essenz", dem Kern eines jeden Menschen: ein guter Kern, unzerstörbar und unsterblich, ein Teil des Göttlichen.
Wie kommt es dennoch dazu, dass Menschen Böses tun, obwohl sie doch alle einen guten Kern haben? Bregman hat dazu folgende Thesen:
- Das Böse tarnt sich als das Gute: Die Täter sind der festen Überzeugung, dass sie das Richtige tun. Sie tun etwas Böses, weil sie es für das Gute halten. Sie ziehen in den Krieg, weil sie für ihre Freiheit und die ihres Landes kämpfen wollen.
- Freundschaft, Loyalität und Treue sind die Triebfedern: Die Täter tun etwas Böses, um ihren Freunden und Kameraden beizustehen. Sie kämpfen im Krieg und töten andere Menschen aus Kameradschaft und Treue zu denen, die mit auf ihrer Seite kämpfen. Ideologie spielt dabei eine untergeordnete Rolle.
- Böses entsteht durch Gier nach Anerkennung: Ein Jugendlicher verprügelt einen vermeintlichen Außenseiter, um in seiner Clique anerkannt zu werden. Er fühlt sich somit als Teil der Gemeinschaft und bekommt die Aufmerksamkeit und Wertschätzung, nach der er sich sehnt.
- Kriegsverbrecher wie Adolf Hitler und Joseph Goebbels waren eindeutige Beispiele für machthungrige und paranoide Narzissten. Sie hatten keine Empathie, zweifelten nie an sich selbst und handelten völlig schamlos. Auch in der heutigen Welt lassen sich leider Namen von Machthabern finden, auf die das zutrifft. Der britische Historiker Lord Acton schrieb: „Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut."
Der Mensch ist „im Grunde gut". Er verhält sich freundlich, empathisch, freundschaftlich und treu. Er kann manipuliert werden, je nachdem, wie empfänglich er für die Meinung anderer ist. Gibt man ihm Macht, kann er korrupt werden. Und schlussendlich gibt es Menschen, die schlechtweg ver-rückt sind, deren Verhalten krankhafte Züge angenommen hat.
Dazu noch einmal Eckhart Tolle: Der Mensch ist gut, er hat einen guten und edlen Kern. Gedanken und Gefühle sind Werkzeuge des Menschen und werden von ihm benutzt. Kehrt sich der Prozess um, dann dominiert der Verstand den Menschen. Dieses erschaffene „kleine Selbst", das Ego, leidet immerzu Mangel, und strebt daher immerzu nach Anerkennung und Liebe, Besitz und Macht, um diesen Mangel zu beheben. Dies ist jedoch nur ein Gedankenkonstrukt, da die „Essenz" ganz ist, vollkommen und unzerstörbar ist. Nur das Bewusstsein, die Bewusstheit, kann dieses Gedankenkonstrukt auflösen, damit wir wieder ohne Angst und Mangel handeln und leben können, und Gutes für uns und andere tun können.
Die Aufklärung brachte uns die Erkenntnis und die Sicherheit, dass jeder Mensch mündig sein kann, das heißt er kann sich seines eigenen Verstandes bedienen - und sich bewusst für oder gegen eine Idee entscheiden.
In der nächsten Woche wird es um die Frage gehen: Können wir die Vernunft nutzen, können wir unseren Verstand gebrauchen, um neue Institutionen zu entwerfen?
Was, wenn Schulen und Unternehmen, Ministerien und Regierungen vom Guten im Menschen ausgingen?
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